
Das GrabMAL VOn HINDELBANK
In Hindelbank weilte Goethe am 20. Oktober 1779. Er wollte hier das von Johann August Nahl dem Älteren 1751/1752 geschaffene Grabmahl der Magdalena Langhans sehen, eine Darstellung der Auferstehung am Jüngsten Tag: Die Verstorbene drängt sich mit ihrem Kind auf den Armen durch die geborstene Grabplatte. Das Werk, zu dem der berühmte Berner Dichter und Naturforscher Albrecht von Haller eine Grabschrift beigesteuert hatte, wurde enthusiastisch rezipiert und von Reisenden aus ganz Europa aufgesucht.
Ansicht der Grabplatte in der Kirche von Hindelbank bei Bern:

g
Berichte aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zeigen diese ungewöhnliche Resonanz. Sie lässt sich mit der künstlerischen Qualität des Werkes allein nicht erklären; entscheidend dürfte gewesen sein, wie sehr die Darstellung den Gefühlsbedürfnissen der Zeit entgegenkam. Auf diese besondere Konstellation wies Goethe in seinem Brief vom 20. Oktober 1779 an Frau von Stein ausdrücklich hin: »Man spricht mit einem allzeit fertigen Enthusiasmus von solchen Dingen, und niemand sieht drauf was hat der Künstler gemacht, hat er machen wollen.«
Albrecht von Hallers Text:
Aufschrift auf das
vortrefliche Grabmahl, das Herr Nahl einer überaus wohlgebildeten und in
den Wochen gestorbenen Frauen zu Hindelbank aufgerichtet hat.
Horch! die trompete
schallt, ihr klang dringt durch das grab,
Wach auf, mein schmerzenssohn, wirf deine hülsen ab,
Dein Heiland ruft dir zu; vor ihm flieht tod und zeit,
Und in ein ewig heil verschwindet alles leid.
Albrecht von Haller:
Versuch Schweizerischer Gedichte (Ausgabe 1772)
Fassung
auf dem Grabmal:
Horch die Trompete ruft,
sie scha // llet durch das Grab
Wach auf mein Schmerzens // Kind leg deine Hülse ab
Eil deinem Heiland zu vor Ih // m flieht Tod und Zeit
Und in ein Ewigs Heil versch // windet alles Leid.
Zeugnisse zur Rezeption des Grabmals:
Seht,
wie vom Donnerton des Weltgerichts erweckt,
Durch den zerrißnen Fels, der dieses Wunder deckt,
Die schönste Mutter sich aus ihrem Staub erhebet!
Wie den verklärten Arm Unsterblichkeit belebet!
Wie bebt von seinem Stoß der leichte Stein zurück!
Wie glänzt die Seligkeit schon ganz in ihrem Blick!
Ihr triumfierend Aug, in heiligem Entzücken,
Scheint den enthüllten Glanz des Himmels zu erblicken,
Der Serafinen Lied rührt schon ihr lauschend Ohr;
Ein junger Engel schwebt an ihrer Brust empor,
Und dankt ihr jetzt zuerst sein theur erkauftes Leben:
Der Wandrer siehts erstaunt, und fromme Thränen beben
Aus dem entzückten Aug: er siehts und wird ein Christ,
Und fühlt mit heil’gem Schaur, daß er unsterblich ist.
Christoph
Martin Wieland: Die
Natur der Dinge
(1762)
Welch eine Verbindung
zwischen Tod und Leben, die den Anschauer unendlich interessieret, deren
erste fürchterliche Hälfte, als schon heran=eilend,
er ohnfehlbar sich zu gewarten hat, die andere erquikkende und tröstende Hälfte
aber, als sehr weit entfernet, und als eine langsam anbrechende schwache Dämmerung,
nach einer schon hereintretenden tausendjärigen Nacht, nur wünschend
hoffen darf! dies trefliche Grabmal, das Werk des berühmten Nahl, ist, übrigens,
mit einem Denkvers aus der Hallerischen Feder versehen worden.
Johann Georg Reinhard Andreae: Briefe
aus der Schweiz nach Hannover geschrieben in dem Jahre 1763
Für
Denkmäler [schicken sich] solche Vorstellungen am besten […], wo nur das
Wesentliche der Sachen, in wenig Bildern ausgedrükt wird. Hiezu aber sind
nur die größten Köpfe aufgelegt: daher man wol behaupten könnte, dass
ein vollkommenes Denkmal dieser Art, eines der schweresten Werke der Kunst
sey. Es ist im Artikel Allegorie eines schönen Denkmals, das den noch
lebenden Bildhauer Nahl zum Erfinder hat, Erwähnung geschehen, dessen
Beschreibung hier einen Platz verdienet.
Es ist das Grabmal einer tugendhaften und
sehr schönen Frauen, welche durch eine schwere Geburt ihr Leben eingebüßt
hat. Dieses Denkmal stellt ein Grab vor, mit einem ganz schlechten Stein
bedekt. So bald man aber näher herantritt, wird man plötzlich in die
erstaunliche Scene versetzt, wo die Gräber sich öffnen und ihre Todten
lebendig wieder hergeben werden. Man findet den Grabstein durch ein
gewaltiges Beben der Erde mitten von einander geborsten, und durch die daher
entstandene Oeffnung sieht man die dort begrabene Person, mit allen
Empfindungen der Seeligkeit, in welche sie nebst ihrem Kinde nun soll
versetzt werden, auf dem Gesichte und in der ganzen Bewegung. Sie trägt ihr
Kind, das nun auch lebt, in dem linken Arm, und mit dem rechten stösst sie
den geborstenen Grabstein in die Höhe, um aus dem Grabe heraus zu steigen.
Um den Grabstein stehen die Worte: Hier bin ich, Herr, und das Kind, das du
mir gegeben hast, nebst dem Namen des Verstorbenen.
Johann Georg Sulzer: Allgemeine Theorie der schönen Künste (1771)
Einige
Stunden vor Bern verdient ein überaus merkwürdiges Monument der neuen
Bildhauerkunst, das sich in der Kirche des Dorfs Hiedelbanck befindet, wohl
eine kleine Abweichung von der Straße. Es gehört unstreitig zu den schönsten
Denkmälern der Kunst, und ist zugleich ein Beweis, wie viel das Interesse
des Herzens über das Genie des bildenden Künstlers vermag. […] Zu der
Zeit [als Nahl mit dem Denkmal für den Schultheiß von Erlach beschäftigt
war: F. E.] starb seinem Freunde Langhans, Pfarrherrn des Orts, bey welchem
er wohnte, seine Gattin ab, die man für eine der ersten Schönheiten in der
Schweitz hielt, und die diesen Vorzug noch durch eine edle Seele erhöhete.
Sie starb jung, in ihrem ersten Wochenbett, und am Abend vor dem Osterfest.
Der Künstler, gerührt von dem Schmerz der Freundschaft und der Zärtlichkeit,
ergrif seinen Meissel, um seinen Freund zu trösten, und seine eigene
Empfindung durch einen Stein zu verewigen. Er eilte zu dem Werke, die
Erfindung folgte seinem Herzen, und sein Herz selbst trieb den Meissel.
Vielleicht hat, nach Pygmalion, kein Bildhauer einen Stein wärmer und zärtlicher
belebt, als Nahl; aber hier war zugleich eine Erhabenheit von Ideen, die
keinen Griechen begeistern konnte. Die Umstände des Todes veranlaßten den
Künstler, seine Freundin in einem der interessantesten Augenblicke, in dem
Augenblick der Auferstehung, vorzustellen. Das steinerne Grab, das in der
Kirche an einem etwas vertieften Ort liegt, ist in der Mitte seiner ganzen Länge
nach zerborsten. In der Oefnung des Steins erscheint die Auferstehende, eine
schöne rührende Figur, mit dem Kinde, das kaum von ihr sein Leben empfing,
als es schon mit ihr zu leben aufhörte. In ihrem edlen Gesichte glänzt die
Wonne der Unsterblichkeit durch den trüben Schmerz des Todes hervor; kein
eckelhafter Anblick von Verwesung, kein schaudervolles Gerippe; sondern
neues, volles, erhabenes Leben, das aus einem noch nicht ganz vertilgten
wehmüthigen Ausdruck der lezten Leiden emporzustreben scheint. Der
Grabdeckel hebt sich und wird dadurch gespalten; man sieht in einiger
Vertiefung die Mutter mit dem Kinde; mit dem einen Arm scheint sie den Stein
zurückzustossen, der noch ihrem Ausgang widersteht, und mit dem andern drückt
sie an ihre Brust ihr Kind, das sich mit ihr wieder belebt, und mit seinen
kleinen Händen zu helfen scheint, um sich aus dem Gefängniß des Grabes
herauszuarbeiten. Die Figuren so wohl, als das ganze Grabmal, sind aus einer
einzigen Masse von einem zarten Stein gebildet; ein so edles Werk verdiente
den schönsten Marmor, der Jahrtausende überlebt. Der Riß des Steins, der
ihn in drey Stücke theilt, ist so natürlich gearbeitet, dass das Grab sich
in dem Augenblick des Anschauns zu eröfnen scheint, und in dem Gesicht der
Auferstehenden ist die größte Aehnlichkeit mit dem Ausdruck vereinigt. Man
kann sich nicht Rührenders oder Feierlicheres denken, als diese
Vorstellung. Alles, was das menschliche Herz erweicht und wieder tröstet,
was es niederschlägt und wieder erhebt, hat der Künstler darin zu
verbinden gewußt. Eine Mutter, die diesen süßen Namen zu theuer erkaufte,
mit dem Schmerzenssohn an der Brust, ihrem geliebten und schuldlosen Gefährten
im Tode, der nur gebohren schien, um zu sterben, und zu sterben schien, um
wieder mit der zu leben, von der er zu leben angefangen; die Rührungen der
Schönheit, der Liebe und ihrer Leiden, die hier alle vereinigt sind, wie
sehr erweichen sie nicht schon das fühlende Herz! Was aber am meisten dies
Denkmal schätzbar macht, ist die Größe der Ideen, die sich darin erheben,
und das Interesse, das sie für die Menschheit haben. Der Künstler hat hier
den entscheidenden Uebergang vom Tode zur Unsterblichkeit mit aller Kraft
der Wahrheit und des Ausdrucks dargestellt. Man fühlt den grossen
Augenblick, worin Zeit und Ewigkeit zusammen hängen. Und wie einfach und
wie wahr! Wie edel und rein von allem Gemeinen, von allem Eckelhaften, das
die Künstler nur zu oft in ihren Vorstellungen und Verzierungen bey
Grabmonumenten einzumischen pflegen! Daher die siegende Kraft der Rührungen,
die hier jeder Anschauer fühlt, die noch durch die bekannte Inschrift von
Haller und durch die Erinnerung an eine schöne Stelle von Wieland, der in
seinem Gedicht über die Natur dieses Grabmal beschreibt, nicht wenig
unterhalten wird. […] Ich muss Ihnen gestehen, dass mich dieses Grabmal
ungemein gerührt, so oft ich es sah, und so oft ich mich wieder daran
erinnerte.
Christian Gay Lorenz Hirschfeld: Neue
Briefe über die Schweiz (1776/1785)
Der
Gedanke von diesem Grabstein ist sehr gutt, aber die Ausführung davon ist
schlecht und modern; in dem Kopf ist gar keine Expression. Die Figur ist
meistens bedeckt von dem obern Stein und was zu sehen ist, ist sehr
incoreckt gezeichnet. Das Gewand hat keine reinen Fälten und ist verwirrt;
das Kind ist gantz zu sehen, und liegt auf der Mutter, in der Actzion wie es
sich emporhelffen will, hat gar keine Noblesse und ist so schlecht
gezeichnet als wie die Mutter, siht aus als wan es gedräht wäre; die
Ornementer auf dem Grabstein sind zwei Schilder mit ihre Wappen auf frantzösische
Art.
Alexander Trippel: Aufzeichnungen (um 1776)
Izt,
mein liebes Herz, Mittwochs, Nachmittags 2 Uhr sitz’ ich im Wirtshaus zum Falken
auf einem gelben Ruhebette, und schreibe Dir, dass wir heut Morgen Vormittag
glücklich, obwohl uns mitten in der Stadt ein Rad aussprang, hier
angelangt. In Kilchberg hielten wir ein wenig und aaserten. Zu Hindelbank
besahen wir uns die berühmten Grabmäler – das so die Auferstehung einer
an ihres Kindes Geburt gestorbenen Frau Pfarrerinn, so fleißig es auch
ausgearbeitet, so gut auch der Gedanke ist, vorstellt, ist dennoch im Grunde
unerträglich dumm und nicht gedacht gemacht. Sie hat keinen Raum zu liegen,
der Stein würde sie zerquetschen, wenn er zugeschlossen wäre.
Johann Caspar Lavater: Reise
nach Bern, in Briefen an seine Frau (1777)
Vom
Grabmal der Pfarren zu Hindelbanck zu hören werden Sie Geduld haben müssen,
denn ich habe mancherley davon, darüber und dabey vorzubringen. Es ist ein
Text worüber sich ein lang Capitel lesen lässt. Ich wünschte gleich iezt
alles aufschreiben zu können. Ich hab soviel davon gehört und alles
verbertucht pour ainsi dire. Man spricht mit einem allzeit fertigen
Enthusiasmus von solchen Dingen, und niemand sieht drauf was hat der Künstler
gemacht, hat er machen wollen.
Goethe an Frau von Stein, 20. Oktober 79
[Das
Werk ist] für die Erwartung, die man mitbringt, zu klein, und nicht aus
Marmor, oder einem andern harten, sondern aus einem weichen oder doch so
scheinenden Stoffe verfertigt, der in einem jeden nachdenkenden Zuschauer
den unangenehmen Gedanken erregt, dass dies schöne Werk nicht so lange
dauren werde, als es seiner Vortreflichkeit nach verdiene. […] Die Risse
selbst, und die Ränder der Bruchstücke sind mit so täuschender Kunst
gearbeitet, dass die Natur selbst nicht natürlicher seyn kann, oder
zersprengte Felsstücke nicht natürlich scheinen würden, wenn sie anders
als diese aussähen. Durch die Oefnung erblikt man die Mutter, eine schöne,
ausdruksvolle Griechische Figur, in einem sanften, aber sichtbaren Bestreben
sich aufzurichten, und in ihrem Schooße das holde Kind, dessen linkes Händchen
noch in den Händen der Mutter ligt, das sich aber mit der rechten Hand an
den geborstenen Grabstein anklammert, als wenn es sich durch eigne Kraft aus
seinem Lager erheben wollte. Diese Attitüde ist über alle Beschreibung rührend,
und meinem Bedünken nach der glüklichste Theil der schönen Erfindung, die
so viele Bewunderer gefunden hat.
Christoph Meiners: Briefe über die Schweiz
(1788)
Gestern
kamen wir um 6 Uhr Abends nach Bern, und hatten unterwegs […] das Vergnügen
[…], in der Kirche zu Heidelbank das berühmte Grabmahl der schönen Wöchnerin
zu sehen. […] Es ist wirklich
ein schönes Stück der Kunst und Erfindungskraft des Herrn Nahl, welcher
hernach bey dem Landgrafen von Herrencastel in Dienst trat. Der Gedanke des
durch den Schall der Trompete des lezten Gerichts geborstenen Grabsteins ist
der Religion so angemessen, und der Augenblick, in welchem ein schönes
Wesen neu erschaffen zu ewiger Seligkeit aus dem Grabe emporstrebt, machte
es dem Künstler zur Pflicht, die liebenswürdige Tode in voller Blüthe der
Schönheit darzustellen, und wie ich von Wieland die richtige Bemerkung
machten hörte, so ist auch die Bewegung des Arms, mit welchem sie den Stein
wegstößt, mit so vielem Geist nach der Kraft einer Unsterblichen
berechnet, daß gar keine Anstrengung, wie Menschen nöthig haben, dabey
sichtbar ist, sondern nur eine leichte Berührung von der Hand eines sich
aufschwingenden Engels. Ihr Kind, das mit ihr starb, faßt sie mit der
andern, und da sind zu dem Ganzen die Verse des großen Herrn von Hallers
eben so schön: »Horch die Trompete ...«
Einen
starken Tadel macht man dem Künstler, daß er einen weichen Sandstein zu
dem schönen Werke nahm, es etwas zu schmal machte, und mit Zierrathen,
damals gewöhnlicher, geschmackloser Schnörkel, Muscheln und gezacktem
Laubwerk den Ernst und die Würde benahm, welche das ganze Werk verdient.
Sophie von La Roche: Tagebuch einer Reise durch die
Schweitz (1784)
Nahl
der Bildhauer, ein Schwede, der mehr die Darstellung simpler Natur oder ädeln
antiquen Geschmak liebte, als Prunk und Ueberladung mit Zierraten […].
Zwischen
dem durch die Stimme des Weltrichters in 3 Teile geborstenen Stein, erblickt
man die schönste weibliche Figur von griechischer Form auf der linken Seite
liegend, mit dem linken Arm das obre Teil des Steines gleichsam wegdrückend
um dem Grabe zu entgehen; mit der rechten Hand hält sie am linken Aermgen
das neugeborne Kind, das mit seinem Köpfgen schon fast durch den geborstnen
Stein heraus ist, und sich bestrebt mit seinem rechten Händgen den Stein
vollends weg zu schieben. Der Ausdruck dieser Gruppe ist meisterhaft, über
alle Beschreibung schön, und verfelt gewiß nie seine Wirkung bei denen die
es betrachten. Die sich Gott ergebende Gelaßenheit, mit freudigem zum
Himmel erhabnen Blick, in dem Gesichte der Mutter, die sich mit ihrem
Schmerzenskinde aus dem Staube der Verwesung im verklärten Leibe zu den
seligen Gefilden des Friedens, der Ruhe und schmerzensfreien Ewigkeit empor
zu heben scheint, – der sanfte unschuldsvolle Blick des kleinen Engels –
welcher fülbare Mensch vermöchte dieses auszuhalten, one bis zu Tränen
gerürt zu werden??
Christian Gottlieb Schmidt: Von
der Schweiz. Journal meiner Reise vom 5. Julius 1786 bis den 7. August 1787
[…]
bey dem ersten Anblicke selbst – drängte sich mir das Gefühl auf: –
Das, was du siehest, ist nicht eine Auferstehende; es ist eine lebendig
Begrabene. Dieser erste Eindruck, den ich weder schaffen noch hindern
konnte, ist mir geblieben. Diese Auferstehung verkündiget nicht den Athem
der Allmacht, der mit Eins die
schlafende Welt an den Tag ruft! Es ist ein
menschliches Bestreben, einem Jammer zu entkommen. Der sehr seitwärts
gewendete Kopf hat den Anblick des unter einem Druck Erliegenden, und bildet
die Idee aus. Als Kunstwerk übrigens, ist dieser Grabstein ganz
vortrefflich. Der gespaltene Stein hat den höchsten Grad möglicher Täuschung.
Mehrere Male glaubte ich zusammengesetzt,
was doch nur ein Stück ist. […] Das Denkmahl ist umso ehrwürdiger, da es
des Künstlers Mitgefühl an seines Freundes Leiden, bey dem Verlust des
guten schönen Weibes geschaffen hat. Der Gedanke, der hier verewigt ist,
kam aus Nahls Herzen.
August Wilhelm Iffland: Blick
in die Schweiz (1793)
Wenn
ich dachte, das es die auferstehung vorstellen soll – dünkte es mich
zimlich Sinlich – ich stelle mir die auferstehung gantz anderst vor –
Als Kunststuk betrachtet ists ein rares meisterstük – Aber als eine
unenthüllte – unbegreifliche Begebenheit zu figurieren – dünkt es mich
plump – doch mann würde mirs nicht vertragen über dergleich sachen zu räisonieren.
Ulrich Bräker: Tagebuch 1791 – 1797
(1795)
Es
ist im Grund dasselbe [eine unstatthafte Vermischung des Dargestellten mit
dem Wirklichen], was an dem widerwärtigen Grabmale zu Hindelbank bey Bern,
wo die Mutter, mit ihrem Kinde im Arm, als auferstehend sich unter dem
zerborstenen Leichensteine hervordrängt, so vielfältig gepriesen worden.
[…] Diese Beyspiele sind merkwürdig: sie beweisen, wie die Neueren, bey
dem Bestreben die Alten in immer reinerem Sinn nachzuahmen, durch einen fast
unwiderstehlichen Hang zur Täuschung, zur eigentlichen buchstäblichen Täuschung
hingezogen werden. Bey der Sculptur, welche diese Mittel ganz entschieden
verwirft, ist dieß am auffallendsten.
August Wilhelm Schlegel: Artistische und literarische
Nachrichten aus Rom (1805)
Die
Idee ist originell – aber auch ästhetisch? Wahrscheinlich ist Mangel an
Sinn von meiner Seite daran schuld, aber ich gestehe, es machte nichts
weniger als einen vorteilhaften Eindruck auf mich, unter einem geborstenen
Grabstein eine magere Frau von widerlichen Gesichtszügen (der überdies die
Nase abgeschlagen ist) hingestreckt zu sehen, wie sie sich eben aufzurichten
anfängt, während ein sehr täuschend dargestelltes Embryo, noch halb auf
ihr liegend, halb herausgekrochen, seinen unförmlichen Kopf hervorstreckt.
Man muss, deucht mir, etwas von einem Accoucheur an sich haben oder mit
krassen Begriffen familiarisierter Bonze sein, um an einer solchen
Komposition Gefallen finden zu können. Des grösseren Ausdrucks willen hätte
man vielleicht noch die Spuren der Würmer angeben können, da die
Auferstehung ohnehin noch nicht völlig zustande gekommen, sondern erst im
Werden ist.
Hermann von Pückler-Muskau: Briefe aus der Schweiz (1808)
Zusammenstellung der Texte: Fritz Egli, Basel