Rückblick
Aktuell - Goethe und die Schweiz - Goethe-Links
Hinweis auf Literatur von GGS-Mitgliedern

Zeichnung Goethes nach einer spätantiken Abraxas-Gemme. In der gnostischen Lehre gilt Abraxas als Herrscher der höchsten Himmelssphäre. Die sieben Buchstaben seines Namens ergeben den Zahlenwert 365 – Symbol der Totalität. Goethe erwähnt Abraxas erstmals in den Ephemeriden von 1770/71.
Veranstaltungen 2002
Zum Jahresthema Goethes Weltbild: Tradition und Moderne wurden zwei Veranstaltungen durchgeführt.
1.
Donnerstag,
23. Mai:
Unter dem Titel Goethes Naturmodell – von der Stufenleiter der Wesen zur Metamorphosenlehre hat Dr. Margrit Wyder Goethes naturwissenschaftliches Weltbild in seiner Entwicklung vorgestellt. Der Vortrag fand im Gebäude des Medizinhistorischen Museum der Universität Zürich (Rämistr. 69) statt und war gekoppelt mit der Möglichkeit zur Besichtigung des Museums und der Sonderausstellung "Ueber dem Grabe geboren" - Kindsnöte in Kunst und Medizin.
Informationen zum Museum unter www.medizin-museum.unizh.ch.
2. Freitag/ Samstag, 8./
9. November:
Die
Jahrestagung 2002 der GGS wurde als zweitägige Vortragsfolge durchgeführt:
Goethe: Von
der Pansophie zur Weltweisheit
Im Rahmen des Jahresthemas „Goethes Weltbild: Tradition und Moderne“ hat eine Serie von Einzelbeiträgen renommierter Fachleute einige Grundüberzeugungen, Lieblingsvorstellungen oder literarische Motive Goethes in diesem Spannungsfeld von Alt und Neu beleuchtet. Positioniert waren sie zwischen den vor allem in der Jugend (Frankfurter Krankheitskrise) aufgenommenen, doch bis ins Alter neubedachten vor- oder frühmodernen Traditionen einer ganzheitlichen Weltdeutung (neuplatonische, mystische, paracelsische, spiritualistische Anregungen und Lektüren) und andererseits den mit wachem Interesse verfolgten philosophisch-naturwissenschaftlichen Positionen seiner eigenen Zeit. Stichwörter wie Analogisches Denken, Mikrokosmos-Makrokosmus-Bezug, Polarität und Steigerung, aber auch Inspiration, magische, alchimistische, sympathetische Traditionen lassen erkennen, dass es dabei nicht nur um Denkinhalte, sondern auch um Methoden der Erkenntnis geht.
Die Planung der Tagung in Genf hat federführend Prof.
Hans-Jürgen Schrader übernommen, dem die Professoren Johannes Anderegg
(St. Gallen) und Michael Böhler (Zürich) zur Seite standen.
Die Vorträge der Tagung werden in einer Publikation erscheinen, die auf Frühjahr 2004 geplant ist.
Das
Jahresthema „Produktives Begegnen – Goethes Schweizer Reflexe“ wurde mit
drei Veranstaltungen gewürdigt:
Beachten Sie dazu auch die Seite Goethe und die Schweiz im Inhaltsverzeichnis, in der Beiträge zum Thema zu finden sind.
Veranstaltungen 2001
1. Samstag, 17. März:
Zum 200. Todestag von Johann Caspar Lavater fand im Kunsthaus Zürich eine Ausstellung zur Physiognomik statt ( 9. Februar bis 22. April). Die GGS unterstützte eine Veranstaltung im Rahmenprogramm: Die grosse Schauspielerin Maria Becker las im Ausstellungssaal des Kunsthauses aus Lavaters Tagebüchern. Anschliessend bestand Gelegenheit zur Besichtigung der Ausstellung.
2. Samstag, 16. Juni:
Dr. Margrit Wyder organisierte einen Ausflug
ins Urnerland auf Goethes Spuren. Dazu gehörte eine geführte Besichtigung
der NEAT-Baustelle Amsteg, ein Mittagessen im von Goethe mehrmals besuchten
Hotel „Stern und Post“ und eine
11/2-stündige Wanderung auf dem alten Gotthardweg von Amsteg nach
Meitschligen. Den Abschluss machte eine Schifffahrt auf dem Urnersee.
3. Freitag/ Samstag, 9./ 10. November:
Die
Jahrestagung 2001 der GGS brachte ein zweitägiges Programm zum Thema Goethes
(schweizerische) Landschaften –
Produktives Begegnen.
Bekannte Referentinnen und Referenten trugen dazu bei. Die von
Vorstandsmitglied Prof. Johannes Anderegg organisierte Veranstaltung fand in
St. Gallen statt.
Im Rahmen der Jahrestagung wurde auch die ordentliche
Mitgliederversammlung abgehalten, die alle zwei Jahre stattfindet.
Vortragsthemen der Jahrestagung in St. Gallen:
Prof.
Dr. Adolf Muschg: Goethes Schweizerreise als Initiation
Dr.
Margrit Wyder: Natur- und Kulturphänomene am Vierwaldstätter See - mit
Goethes Augen
PD
Dr. Anne Bohnenkamp-Renken: Landschaften in Goethes Faust
Prof.
Dr. Hellmut Thomke: Erfahrung, Wirken und Dichten auf Reisen. Dargestellt am
Beispiel der zweiten Schweizerreise Goethes im Jahr 1779.
Dr.
Ulrike Längle: "Goethe war total verweichlicht". Blicke auf die
Schweizer Berge von Sebastian Münster, Goethe und anderen
Prof.
Dr. Hans Vaget: Werther in den Schweizer Alpen
Prof.
Dr. Martin Stern: Goethe und das Hochgebirge
Prof.
Dr. Pascal Griener: Drawing and Seeing. Goethe as an amateur artist
Prof.
Dr. Alois Brandstetter: Notizen eines Stubenhockers über einen
Landschaftsreisenden
Organisation
und Moderation:
Prof.
Dr. Johannes Anderegg / Prof. Dr. Hans-Jürgen Schrader
Die
Jahrestagung wurde ermöglicht durch die Schweizerische Akademie für
Geisteswissenschaften (SAGW) und die Universität St. Gallen (HSG).
Referentinnen
I Referenten:
Anne
Bohnenkamp-Renken, PD Dr., geb. 1960. Studium der Germanistik, Philosophie
und Publizistik in Göttingen und Florenz; ab 1992 Wissenschaftliche
Assistentin, seit 2000 Oberassistentin am Institut für Allgemeine und
Vergleichende Literaturwissenschaft der LMU München. Forschungs- und
Publikationsschwerpunkte: 18. Jh., Goethe, Editionsphilologie, Literarische Übersetzung.
Publikationen u.a.: "...das Hauptgeschäft nicht ausser Augen
lassend". Die Paralipomena zu Goethes Faust (1994); (Hg.) Goethe, Ästhetische
Schriften 1824-1832. Über Kunst und Altertum V und VI (1999) in der
Frankfurter Ausgabe der Werke Goethes (FA I, 2).
Alois
Brandstetter, Univ.-Prof. Dr. phil. Dialektologe und Altgermanist an der
Universität Klagenfurt; Habilitationsschrift über den frühnhd. Prosaroman.
Seit 1970 zunehmend literarische Arbeiten, Romane und Erzählungen: Zu
Lasten der Briefträger, Die Abtei, Die Mühle, Die Burg. Verschiedene
Preise, 1984 Wilhelm Raabe-Preis der Stadt Braunschweig. Träger des Österreichischen
Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse.
Pascal Griener, Prof. Dr., né le 1.8.56 à Porrentruy, Suisse. Licence ès lettres a I'université de Neuchâtel, D. EHESS a l’Ecole des Hautes Etudes, Paris, D. Phi!. a l’université d'Oxford. Professeur d'histoire de l’art a l’université de Neuchâtel depuis 1995. Président du comité national, Comité International d'Histoire de l’Art. Conseil scientifique, Centre Allemand d'Histoire de l’Art, Paris. Publications sur la renaissance allemande (Holbein), sur la littérature artistique au XVlllème siècle (Winckelmann) et l’historiographie de l’art.
Ulrike
Längle, Mag. Dr. phil., geb. 1953. Leiterin des
Franz-Michael-Felder-Archivs (Vorarlberger Literaturarchiv) in Bregenz,
Schriftstellerin, Kritikerin. Publikationen zu Ernst Weiß, Paula Ludwig,
Johann Nestroy, Franz Michael Felder und zu österreichischer
Gegenwartsliteratur. Romane und Erzählungen, z. B. Tynner (1996), Vermutungen
über die Liebe in einem fremden Haus (1998), Bachs Biss (2000).
Adolf
Muschg, Prof. Dr. phil., geb. 1934. Schriftsteller und em. Professor für
Deutsche Sprache und Literatur an der ETHZ.
Martin
Stern, Prof. Dr. phil. Em. Professor für Neuere deutsche
Literaturwissenschaft an der Universität Basel. Schwerpunkte: Hofmannsthal,
Edition und Werkdeutung; Kultur- und Geistesgeschichte des 18. Jahrhunderts;
Vormärz, Realismus, Expressionismus; Komödie 16 Jh. und Wiener Volkstheater;
Schweizer Literatur 20. Jahrhundert (Expressionismus in der Schweiz,
Bern 1981; Kein einig Volk, Bern 1993; Schweizertheater, Zürich
2000).
Hellmut
Thomke, Prof. Dr. phil., geb. 1932 in Biel. Studium in Göttingen, München
und Bern. Zunächst Gymnasiallehrer. 1969 Habilitation in Bern. Em. Ordinarius
für deutsche Literatur an der Universität Bern. Publikationen zur Schwäbischen
Romantik, zur expressionistischen Lyrik, zu Heine, zur Literatur des Barocks,
zur Schweizer Literatur, Klassikerband Deutsche Spiele und Dramen des 15.
und 16. Jahrhunderts.
Hans
Vaget, Prof. Dr., geb. 1938. Lehrt nach Studium in München, Tübingen,
Cardiff (Wales) und an der Columbia University, New York, seit 1967 German
Studies and Comparative Literature am Smith College (Northampton, MA).
Zahlreiche Veröffentlichungen zur deutschen Literatur vom 18. bis 20.
Jahrhundert, besonders zu Goethe, Richard Wagner und Thomas Mann. Er ist
Mitbegründer der Goethe Society of North America und ihr derzeitiger Präsident.
Margrit
Wyder, Dr. phil. Studium der Germanistik und Biologie in Zürich.
1997-2000 Assistentin am Collegium Helveticum der ETH. Zurzeit als
Wissenschaftshistorikerin am Medizinhistorischen Institut der Universität Zürich
tätig. Publikationen: Goethes Naturmodell. Die Scala Naturae und ihre
Transformationen (1998); Bis an die Sterne weit? Goethe und die
Naturwissenschaften (1999); Mit Goethe zum Gotthard. Ein Reisebericht (2000).
Kammerkonzert: Weimar, Goethe und die Musik
Jahrestagung mit Kelterborn-Uraufführung
Das Jahresthema „Goethe und die Musik“ war an zwei Veranstaltungen präsent, die beide in Bern stattfanden.
„Weimar,
Goethe und die Musik“
Im
kontrastreichen Rahmen der Antikensammlung Bern fand am 12. Mai der
Konzertabend mit Vortrag zum Thema „Weimar, Goethe und die Musik“ statt.
Das Rockhall-Quartett Biel eröffnete den Abend mit zwei Werken des Weimarer
Hofkapellmeisters Ernst Wilhelm Wolf (1735-1792).
In seinem Vortrag zeichnete Hellmut Thomke, emeritierter Professor der
Universität Bern, ein informatives und farbiges Bild des Weimarer
Musiklebens. Er rekapitulierte Goethes Bemühungen um das deutsche Singspiel,
schilderte seine vergeblichen Versuche, den wenig begabten Komponisten
Christoph Kayser zu portieren, und erinnerte an die von Goethe veranstalteten
Mozart-Aufführungen im Weimarer Hoftheater. Im Bach-Jahr besonders
interessant: 1814 liess sich Goethe in Bad Berka Werke des in Thüringen nie
ganz vergessenen Bach vorspielen, also noch vor der von Zelter und Mendelssohn
ausgelösten Bach-Renaissance. Unter Grossherzogin Maria Pawlowna bestand auch
nach Goethes Tod der Ruf des Weimarer Musenhofs weiter, mit Komponisten wie
Hummel und Liszt. Am 28. August (!) 1850 fand die Uraufführung von Wagners
„Lohengrin“ im Weimarer Hoftheater statt.
Nach dem Vortrag griff Referent Hellmut Thomke erneut zum Geigenbogen und
setzte, zusammen mit den anderen Mitgliedern des Rockhall-Quartetts Biel,
Peter Rickenbach, Edi Benz und Gerhard Thomke, in bester klassischer
Laientradition den musikalischen Schlusspunkt mit Mozarts Streichquartett in
G-Dur (Köchel Nr. 156) von 1773. (mw)
2. Jahresveranstaltung 2000
der Goethe-Gesellschaft Schweiz
in Zusammenarbeit mit der Hochschule
für Musik und Theater Bern und dem Kammerensemble La Strimpellata Bern
»...
eine Art Symbolik fürs Ohr ...«:
Goethe und die Musik - Goethe in
der Musik
Samstag, 23. September 2000
Vortragssaal der Stadt- und Universitätsbibliothek Bern Münstergasse 63
09.30 Uhr
PD Dr. Henriette Herwig (Bern):
Begrüssung durch die Präsidentin der Goethe-Gesellschaft Schweiz
09.35 Uhr
Prof. Dr. Wolfgang Pross (Bern):
Kult und Macht in Mozarts Zauberflöte
10.20 Uhr
Prof. Dr. Peter Gülke (Freiburg/Br.):
Goethes Versuch mit der Tonlehre und seine Hintergründe
11.05 Uhr
Kaffeepause
11.30 Uhr
Prof. Dr. Hans Kuhn (St. Gallen/Canberra):
Goethe-Texte "gemischter Gefühlslage" und ihre Vertonungen
12.15Uhr
Mittagspause
14.00 Uhr
Prof. Dr. Anseim Gerhard (Bern):
"Goethes <herrliche Dichtungen> und Schuberts <grosse
Freiheit>" -ein Spannungsverhältnis einmal anders betrachtet
14.45 Uhr
Dr. Roman Brotbeck (Bern):
Goethe vertonen im 20. Jahrhundert
15.30 Uhr
Kaffeepause
16.00 Uhr
Referenten und Rudolf Kelterborn:
Podiumsgespräch über Goethe als Anreger von Musik
und das neue Stück von Rudolf Kelterborn
Moderation: Dr. Margrit Wyder
17.30 Uhr
Schluss der Tagung
Öffentliche Veranstaltung, Eintritt frei
Am
Samstag, den 23. September fand die Jahrestagung 2000 der GGS statt. Das ganztägige
Programm zum Thema „Goethe und
die Musik –
Goethe in der Musik“ wurde von Radio DRS 2 und der Berner Presse gross angekündigt und
fand auch ein zahlreiches Publikum.
Der Vortragssaal der Stadt- und Universitätsbibliothek Bern war
Schauplatz für die fünf Referate der Tagung. Nach einführenden Worten der
Präsidentin der GGS, PD Dr. Henriette Herwig, setzte Prof. Wolfgang Pross, Literaturwissenschaftler an der Universität Bern,
den anregenden Auftakt. In seinem Referat „Kult und Macht in Mozarts
Zauberflöte“ interpretierte er dieses populärste Werk Mozarts nicht wie üblich
als Freimaurerstück, sondern als Umsetzung des damaligen ethnografischen
Wissens. Sarastros Priesterstaat setzte er in Parallele zum 1765 zerstörten
Jesuitenstaat in Paraguay, und Papagenos Federkleid entpuppte sich als
Indiokostüm. In der aufklärerischen Universalreligion der Gestirne vertrat
Sarastro die Stelle der Sonne. Goethes Versuch einer Fortsetzung der Zauberflöte
musste scheitern, so der Schluss des Referenten, weil er auf dem Hintergrund
seines Naturbilds mit der Herrscherfigur Sarastro nichts mehr anzufangen
wusste.
Der
Musikwissenschaftler, Autor und Dirigent Prof. Peter
Gülke aus Freiburg i.Br. – übrigens ein Nachfahre der Familie
Vulpius – sprach über „Goethes Versuch mit der Tonlehre und seine
Hintergründe“. Er betonte dabei die Parallelität zur Farbenlehre. Dies
betrifft sowohl das Wechselspiel von Subjekt und Objekt als auch die
Tongeschlechter Dur und Moll, die Goethe als gleichwertige, polare Ausdruckskräfte
sehen wollte. Goethe wehrte sich daher gegen die Überbewertung des Dur in der
Musiktheorie und setzte dessen physikalisch begründeter Priorität eine
psychische Priorität des Moll entgegen.
Der in St. Gallen und im australischen Canberra tätige Germanist Prof.
Hans Kuhn stellte „Goethe-Texte ‚gemischter Gefühlslage’ und
ihre Vertonungen“ vor. Als Beispiele dienten ihm das „Heideröslein“,
„An den Mond“, „Erster Verlust“ und „Um Mitternacht“, von denen
der Referent jeweils mehrere Vertonungen vorführte und kommentierte. Gerade
bei diesen Texten stellte sich den Komponisten jeweils die Entscheidung
zwischen Dur und Moll. Interessant waren auch die beiden sehr
unterschiedlichen Vertonungen Schuberts von „An den Mond“.
Der Vortrag von Prof. Anselm
Gerhard, Musikwissenschaftler an der Universität Bern, trug den Titel
„Goethes ‚herrliche Dichtungen’ und Schuberts ‚grosse Freiheit’ –
ein Spannungsverhältnis einmal anders betrachtet“. Der Referent vermochte
es, Verständnis für Goethes oft kritisiertes Verhalten gegenüber Schubert
zu wecken. Einmal war der Brief von Josef von Spaun an Goethe, mit dem dieser
die Liedvertonungen seines Freundes Schubert empfahl, im Ton völlig missglückt.
Dann finden sich bei Schubert lauter „Regelverstösse“ gegenüber der Liedästhetik
des 18. Jahrhunderts. Goethes Forderung nach „Einfachheit“ wurde von
Schubert nicht erfüllt. Das Verhältnis Goethe-Schubert wird nur begreiflich,
schloss der Referent, wenn man die historischen und ästhetischen
Wahrnehmungsvoraussetzungen Goethes rekonstruiert.
Dr. Roman Brotbeck, Direktor der Hochschule für Musik und Theater
Bern/Biel, widmete sich in seinem Referat dem Thema „Goethe vertonen im 20.
Jahrhundert“. Er wählte dazu drei Beispiele im kompositorischen Umkreis der
Zwölftonmusik, einem ganzheitlichen Kompositionssystem, in dem u.a. die
Hierarchie von Melodie und Begleitung zugunsten einer polyphonen Struktur überwunden
wurde. Luigi Dallapiccolas Vertonung eines Gedichts aus dem „Divan“, Hanns
Eislers musikalische Umsetzung von Brechts Sonett über Goethes “Gott und
die Bajadere” und das von Anton Webern gestaltete volkstümliche Lied “Die
Biene und das Blümelein/ Die müssen füreinander geschaffen sein“ wurden
von Brotbeck analysiert. Bei allen drei Komponisten liessen sich raffinierte
Bezüge zwischen Text und musikalischer Struktur nachweisen.
Die Referate der Tagung werden in den nächsten beiden Bänden des
Goethe-Jahrbuchs der internationalen Goethe-Gesellschaft in Weimar abgedruckt
werden.
Zum abschliessenden Podiumsgespräch unter der Moderation von Dr.
Margrit Wyder trafen die Referenten des Tages mit dem Komponisten Rudolf
Kelterborn zusammen, um das Tagungsthema „Goethe und die
Musik – Goethe in der Musik“ noch einmal zu beleuchten. Die Frage, was die
einzelnen Referenten von den anderen Vorträgen des Tages gewonnen hätten, führte
zu einem fruchtbaren Austausch. Keiner der Referenten wollte sich jedoch
darauf einlassen, Vermutungen über Goethes zukünftige Rolle als
„Textdichter“ in der Musik des 21. Jahrhunderts zu äussern. Im zweiten
Teil des Gesprächs gab Rudolf Kelterborn Auskunft über seine Textauswahl für
die „Goethe-Musik“, deren Uraufführung
im grossen Saal des Konservatoriums Bern am gleichen Abend bevorstand. (mw)
Samstag, 23. September 2000, 20.00 Uhr
Grosser Saal der Hochschule für Musik und Theater Bern
Sofia Gubaidulina
Hommage à. T S. Eliot(1987/91)
für Sopran und Oktett auf Verse aus Four Quartets (1936-42)
von T. S. Eliot
Franz Schubert
OktettF-Ourop. post. 166(1824)
Andante (Variationensatz)
Rudolf Kelterborn
Goethe-Musik (Uraufführung)
für Sopran und Oktett auf Texte von J. W. Goethe,
Goethes Mutter und seiner Frau Christiane
Ausführende
Ursula Füri-Bernhard, Sopran
La Strimpellata Bern:
Christoph Ogg, Klarinette; Philippe Bach, Horn; Ueli Binggeli, Fagott;
Marianne Aeschbacher, Violine; Regula Schwaal; Violine;
Renee Straub, Viola; Oavid Innigel; Cello; Käthi Steuri, Kontrabass;
Matthias Kuhn, Leitung
Unterstützt durch:
Amt für Kultur/Kanton Bern, Burgergemeinde Bern, DRS2.:Kulturclub, MIGROS
Kulturprozent, Fondation Henneberger-Mercier, KulturStadt Bern, Pro Helvetia,
SUISA-Stiftung
In
Töne setzen
Faszinierende
Uraufführung von Kelterborns „Goethe-Musik“
. . . Im Podiumsgespräch bestimmte Rudolf Kelterborn seine musikalische
Vorstellung als das Primäre, zu dem das Textmaterial erst später hinzukomme.
Genau umgekehrt verhielt es sich bei Goethe, der seine Gedichte allerdings oft
noch vor der Veröffentlichung seinen musikalischen Beratern zur Komposition
schickte. Das Zusammenspiel der beiden Medien ist aber hier wie dort der
Fluchtpunkt
Im
Gegensatz zu den zeitgenössischen Strophenliedern greift Kel- terborns
Komposition für Frauenstimme und acht Instrumente, die neben Gedichten von
Goethe Ausschnitte aus Briefen seiner Mutter und seiner Frau Christiane
verarbeitet, stark ins verwendete Textmaterial ein, macht es sich zu Eigen,
spart aus, löst auf, verdichtet, setzt um in eine musikalisierte Gegenwelt.
Bei allem Reichtum an kompositorischen Spielarten und Verfahrensweisen scheut
Kelterborn jedoch auch nicht davor zurück, mit charakteristischen KIangfarben
unmittelbar wirkende emotionale Reize zu setzen und mit feinen
Stimmungsbildern Atmosphären einzufangen, die auf einen konkreten
Erfahrungshorizont Bezug nehmen.
Aus:
Der Bund, 25. September 2000 (pdf)
An 17.
Januar 2001 strahlte Radio DRS 2 ein Porträt des Ensembles La Strimpellata
Bern aus und sendete anschliessend die Aufzeichnung des Konzerts vom 23.
September 2000 mit der Hommage an T. S. Elliott von Sofia Gubaidulina, dem
Oktett in F-Dur op. post. 166 von Franz Schubert sowie der Uraufführung der
Goethe-Musik von Rudolf Kelterborn.
Jahresthema 1999:
Goethe und die Naturwissenschaften
Im Jubiläumsjahr 1999 hielt am 13. März 1999 unser Vorstandsmitglied Prof. F. Nager im grossen Hörsaal des Kantonsspitals Luzern den Festvortrag "Goethe und die Ärzte" im Rahmen der Veranstaltung "Horizonterweiterung der Medizin", nachdem Prof. H. Herwig eine Grussbotschaft übermittelt hatte. Beide Ansprachen sind in einer medizinischen Fachzeitschrift veröffentlicht worden.
Am 26. Juni 1999 hielt Frau Dr. M. Wyder im Rahmen der 2. Mitgliederversammlung in Zürich einen Vortrag zum Thema "Goethe - der Naturforscher". Anschliessend führte sie durch die Ausstellung "Zum Erstaunen bin ich da - Goethe, der Naturforscher" im Museum Strauhof, an deren Konzeption sie selbst mitgearbeitet hatte.
Am 28. August 1999 wurde eine besondere literarisch-musikalische Geburtstagsfeier Ereignis. Sie begann mit einer von Prof. H. Thomke geführten Wanderung auf den Spuren Goethes im Lauterbrunnental und fand ihre Fortsetzung im Rüttihubelbad mit dem eigentlichen Geburtstagsfest unter dem Motto "Begegnung zweier Genies" (Goethe und Mozart), in dessen Mittelpunkt die Aufführung des "Concerto dramatico" durch das Kammerensemble "La Strimpellata Bern" stand.
Die
gut besuchte Jubiläumstagung vom 19. November 1999 im Kollegienhaus der
Universität Basel war der "Goethe-Rezeption in kritischer Zeit.
Alfred Döblin, Karl Jaspers und Thomas Mann zwischen den Jubiläen 1932 und
1949" gewidmet. Nach den Begrüssungen durch die Gastgeberin Frau
Prof. G. Brandstetter und Prof. H. Herwig folgten die Vorträge von Prof.
Wemer Stauffacher ( 'tGoethe dämmerte mir sehr spät". Zu Alfred Döblins
Goethe-Rezeption ), Prof. Dieter Borchmeyer ( Goethe, Thomas Mann und
die Idee der Politik), Prof. Walter Müller-Seidel (Der späte Goethe:
Zu seiner Rezeption in der Zeit der Weimarer Republik) und Dr. Hans Saner (Was
Jaspers wollte mit "Unsere Zukunft und Goethe ", 1947).
Johannes Anderegg: Schreibe
mir oft! Das Medium Brief von 1750 bis 1830. Mit einem Beitrag von Edith Anna
Kunz, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 3-525-20813-8
Anke
Bosse: «‘Meine Schatzkammer füllt sich täglich . . .‘. Die Nachlassstücke
zu Goethes West-östlichem Divan. Dokumentation – Kommentar»,
2 Bde., Göttingen: Wallstein 1999, ISBN 3-89244-311-4, Fr. 263.-
Johann
Wolfgang von Goethe: «Träume und Legenden meiner Jugend. Texte über die
Stillen im Lande», hg. von Paul Raabe, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig
2000 (Kleine Texte des Pietismus, Heft 3)
ISBN 3-374-01788-6, 236 S., ca. 13 EUR
Henriette Herwig: Das ewig Männliche zieht uns hinab: "Wilhelm Meisters Wanderjahre. Geschlechterdifferenz - Sozialer Wandel - Historische Anthropologie, A. Francke Verlag, Tübingen und Basel 1997
Peter Heusser (Hg.): «Goethes Beitrag zur Erneuerung der Naturwissenschaften», Verlag Paul Haupt, Bern / Stuttgart / Wien, Fr. 58 (Das Buch zur gleichnamigen Ringvorlesung, die im Sommersemester1999 von der Kollegialen Instanz für Komplementärmedizin an der Universität Bern veranstaltet worden ist.)
Adolf Muschg, Volker Harlan,
Wolfgang Schad, Margrit Wyder: «Wir wandeln alle in Geheimnissen». Neue
Erfahrungen mit Goethe. Vorträge der Goethe-Jubiläumstagung 1999 in Kassel,
hrsg. von Ludolf von Mackensen, Georg Wenderoth Verlag, Kassel 2002, ISBN
3-87013-30-X
Frank
Nager: „Der heilkundige Dichter. Goethe und die Medizin“. Neuauflage als
Paperback im Februar 1999 bei Artemis (Patmos) Düsseldorf.
Gabriele
Schwieder: «Goethes „West-östlicher Divan“. Eine poetologische Lektüre»,
Böhlau
Verlag Köln/ Weimar 2001
ISBN 3-412-10400-0, ca. 250 S., ca. Fr. 52.-
Reinhold
Sölch: „Die Evolution der Farben. Goethes Farbenlehre in neuem Licht“.
Ravensburg/ Leipzig 1998.
Margrit
Wyder: „Goethes Naturmodell. Die Scala Naturae und ihre Transformationen“.
Böhlau Verlag Köln/ Weimar 1998.
Margrit
Wyder (Hg.): «Bis an die Sterne weit? Goethe und die Naturwissenschaften»,
Ausgewählt von Margrit Wyder, mit einem Essay von Adolf Muschg, Insel-Verlag
Frankfurt a.M. 1999, ISBN 3-458-34275-3, Fr. 19.-
Zum Nachlesen: Veröffentlichungen
von an Jahrestagungen der Goethe-Gesellschaft Schweiz gehaltenen Vorträgen:
Anselm Gerhard: Goethes «herrliche Dichtungen» und Schuberts «grosse Freiheit». Ein Spannungsverhältnis – einmal anders betrachtet. In: Goethe-Jahrbuch 118 (2001), S. 304-314. (Der Vortrag wurde auf der Jahrestagung 2000 in Bern gehalten.)
Werner Stauffacher: Intertextualität und
Rezeptionsgeschichte bei Alfred Döblin: «Goethe dämmerte mir sehr spät».
In: Intertextualität, hrsg. von
Henriette Herwig. Zeitschrift für
Semiotik 24 (2002), Heft 2-3, S. 215-231. (Der Vortrag wurde auf der Jubiläumstagung
1999 in Basel gehalten.)
Anne Bohnenkamp: Intertextualität als Realisation von Weltliteratur. Literarische Landschaften in Goethes Faust. In: Intertextualität, hrsg. von Henriette Herwig. Zeitschrift für Semiotik 24 (2002), Heft 2-3, S. 179-200. (Der Vortrag wurde auf der Jahrestagung 2001 in St. Gallen gehalten.)